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Verleihung des Herbert-Haag-Preises an Bischof Kräutler
Für seinen lebenslangen Einsatz für die Mitmenschen in Amazonien, den Schutz der „Mitwelt“, wie er sie bezeichnet, sowie sein Eintreten für die Freiheit in der Kirche wurde Bischof Erwin Kräutler am 22. März in Luzern im Beisein seiner Familie und zahlreicher eigens angereister Freunde und Wegbegleiter mit dem Stiftungspreis ausgezeichnet.
Seit 1985 vergibt die Herbert Haag Stiftung ihren mit 10.000 Franken dotierten Anerkennungspreis an Menschen, die sich in besonderem Maße mit mutigem Handeln für die freie Meinungsäußerung innerhalb der katholischen Kirche verdient gemacht haben. Neben Dom Erwin wurde in der Luzerner Lukaskirche die ungarische Theologin Rita Perintfalvi geehrt, die in ihrer Heimat Fälle von sexueller und spiritueller Gewalt durch katholische Priester aufgedeckt hat. Als kirchen- und gesellschaftspolitische Aktivistin ist sie heftigen Attacken des Orban-Regimes auf ihre Person ausgesetzt.
Die „Option für die Armen“
Stiftungsrätin Ute Leimgruber würdigte in ihrer Laudatio das lebenslange Wirken Erwin Kräutlers für die Menschen am Xingu. Eine Festnahme und Misshandlungen durch die Militärpolizei, ein Mordanschlag mit einem fingierten Autounfall und wiederholte Todesdrohungen konnten ihn nie von seinem entschlossenen Eintreten für die Rechte der indigenen Bevölkerung Brasiliens abhalten.
So zitierte sie den emeritierten Bischof: „Den Kosmos zusammenhalten heiß, für das Leben der Menschen zu eifern. Diejenigen auf den Schultern zu tragen, deren Leben bedroht ist. Für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Und all das im steten Vertrauen auf Gott.“ Mit der „Option für die Armen“ vertritt er die Auffassung, dass das Handeln der Kirche der Verbesserung der Lebensumstände der Ärmsten zu dienen habe. Dies wurde mit der Verleihung des Preises durch den Quästor der Stiftung, Hugo Keune, an diesem Sonntagnachmittag ganz besonders gewürdigt.
„Die ‚Mitwelt‘ ist die Welt, ohne die wir nicht überleben“
Seine Dankesworte richtete Bischof Kräutler an seine langjährigen Mitarbeiter, seine Unterstützer und den Stiftungsrat. Nicht aber ohne die Menschen in den Basisgemeinden seiner brasilianischen Heimat in Erinnerung zu rufen, denen die Teilhabe an der Kommunion, dem Zentrum der katholischen Glaubensfeier, verwehrt wird. Er kritisierte dabei die innerkirchlichen Gesetze, die vom Menschen geschaffen sind und ohne Weiteres geändert werden könnten. „Warum, um Gottes Willen, geht das nicht?“ Er zeigte sich sehr bedrückt darüber, dass viele der Beschlüsse der Amazonassynode im Jahr 2019 bislang nicht umgesetzt werden konnten.
Auch das Wort „Umwelt“ erscheint Bischof Kräutler in seiner Verwendung zu anonym, er benütze lieber den Begriff „Mitwelt“. „Die ‚Mitwelt‘ ist die Welt, ohne die wir nicht überleben. Also nicht ein Objekt, auf das wir schauen, sondern die ‚Mitwelt‘, zu der wir gehören und für die wir – hier wie dort – sorgen müssen.“ Ohne Amazonien, das oft als „grüne Lunge der Erde“ bezeichnet wird, sei der ganze Planet in Mitleidenschaft gezogen, so Kräutler. Dabei gehe es jedoch nicht nur um den Regenwald und die Gewässer, sondern auch um die Völker, die den Einsatz für die Rettung dieser „Mitwelt“ verlangten.
Auch sein Onkel und Vorgänger Bischof Erich Kräutler blieb nicht unerwähnt. Bei Erwins Ankunft in Brasilien 1965 habe Erich die Auslöschung der indigenen Bevölkerung innert 20 Jahren befürchtet, was Erwin als klaren Auftrag auffasste, dem mit aller Kraft entgegenzutreten. Unterstützt wurde er dabei 35 Jahre lang von Pater Fritz Tschol aus St. Anton, den er 1980 als Generalvikar einsetzte.
„Ich habe der Armut ins Antlitz gesehen. Nicht nur materieller Armut. Was sagt man einer Mutter, deren Kinder schreien, weil sie Hunger haben?“ so stimmte der Bischof die Zuhörer nachdenklich. „Die Indios sind nicht materiell arm. Sie werden arm, wenn sie ihr Dorfgefüge und ihre Verbindung zu den Brüdern und Schwestern verlieren. Dann kommen sie in der Stadt unter. Oder um (…). Arm sein für die Indios bedeutet, kulturell nicht sein, nicht leben zu dürfen.“ Das Anderssein müsse da wie dort ein Ansatz für das Einstehen für Schwächere sein. Vertrauen und Mitmenschlichkeit können der Schlüssel dazu sein, so schloss Bischof Kräutler seine Rede.
Stehender Applaus und Gratulationen
Die Festgäste in der restlos besetzten Lukaskirche, darunter die über 70 mit dem Reisebus angereisten Vorarlberger und Liechtensteiner, honorierten die Lebenswerke der beiden Preisträger mit minutenlangem stehendem Applaus. Im Anschluss signierte Bischof Erwin beim Apéro für zahlreiche Gäste sein kürzlich erschienenes Buch „Prophetische Kirche – Indigene Völker und Ökologie“ und nahm ihre Gratulationen entgegen. Die Pfarrgemeinde und die Gemeinde Koblach möchten sich herzlich anschließen und ihm weiterhin viel Kraft für sein Engagement, schöne Momente mit seinen Mitmenschen und beste Gesundheit wünschen!
